Heißere Sommer und heftigere Regengüsse sind das, was man in Mitteleuropa vom Klimawandel mitbekommt - von schlimmen lokalen Katastrophen wie die Flut im Aartal 2021 oder die Waldbrände in Brandenburg 2022 abgesehen. Für die meisten ist die Erderhitzung scheinbar noch weit weg von ihrem Alltag. Nicht so für die Förster, die heute den Wald für über hundert Jahre klimafest machen sollen. Einem von Ihnen, Förster Philipp Dölker vom Forstrevier Murrhardt-Süd, haben wir bei einer Waldführung "über die Schulter geschaut" und uns seine Ideen für einen zukunftsfähigen Wald vorstellen lassen.
Die Ausgangslage: Hier oben hoch über dem Murrtal im Schwäbischen Wald wechseln sandige und tonige Böden ab. Da die Tonschicht im Untergrund das Wasser bei starken Regen staut führt dies zu Staunässe und zu Luftmangel im Boden, den manche Bäume nicht vertragen. Wenn der Boden in Trockenperioden rasch austrocknet, spricht der Förster von "Wechselfeuchte".
Kurzum: Hier herrschen Bedingungen, die manche Baumarten an Ihre Grenzen bringen. "Trockenstress belastet die Fichte, die dann anfällig für Borkenkäferbefall wird. Aber auch die ehemals als standortsangepasste Baumarten angesehene Tanne bekommt in extremen Trockenphasen auf schwiegen Standorten Probleme; ebenso die `Mutter des Waldes´, die Buche." analysiert Philipp Dölker. Dazu kommt, dass das Temperatur- und Lichtregime im Wald äußerst unterschiedlich ist. Eigentlich ist das Ziel des naturnahen Waldbaus, keine großen Lücken in den Waldbestand zu bekommen. Dann ist das Kleinklima kühl und der Altbestand schützt die sich langsam ansamende Naturverjüngung. "Realität ist in meinem Revier jedoch, dass Stürme und nachfolgend Borkenkäferbefall zum Teil große Löcher in den Wald gerissen haben, die wir natürlich nicht haben wollten," so der Revierleiter. Werden Böden so offengelegt, können sie sich im Sommer stark aufheizen - tödlich für kleine Baumkeimlinge. Die Brombeere hingegen liebt diese Bedingungen und behindert ihrerseits Pflanzungen durch Ihre Konkurrenz.
Da althergebrachte Erfahrungen im Waldbau im Klimawandel nicht mehr uneingeschränkt gültig sind, macht sich Philipp Dölker viele Gedanken, wie er seinen betreuten Wald möglichst gesund in die Zukunft schickt:
"Auf tonigen, staunassen Böden, auf denen noch Wald steht, pflanzen wir fleckenweise Hainbuchen, denen eine Klimatoleranz nachgesagt wird," erklärt der Revieleiter. "Die Hainbuchen sollten im Halbschatten der älteren Bäume erstarken können und dann eines Tages einen Teil des nachfolgenden Waldes bilden." Oberstes Ziel, über den ganzen Wald gesehen, ist ein möglichst vielfältig zusammengesetzter, dem jeweiligen Standort angepasster Mischwald.
Deshalb fährt Philipp Dölker auch mehrgleisig: "Auf den Freiflächen pflanzen wir einerseits die Linde, die gepflanzt mit mehr Licht und Wärme zurechtkommt; auf anderen Standorten schaffen wir mit kleinflächigen Eichen-Pflanzungen (so genannte "Eichen-Nester") Stabilitätsanker für die nächste Waldgeneration", denn die Eiche ist in der Lage, mit ihrer Pfahlwurzel die tonigen Bodenhorizonte zu durchwurzeln.
Doch wie behält der Forstrevierleiter bei diesen rasch wechselnden Bedingungen und forstlichen Maßnahmen überhaupt den Überblick?
Dölker schmunzelt und zeigt auf sein wetter- und geländetaugliches Tablet: "Damit kann ich an jedem Ort auf alle forstlich wichtigen Informationen zurückgreifen, allen voran die Standortskarte, die mir zeigt, wo ich in meinem Revier welche Böden vorfinde und welche Baumarten darauf in Betracht kommen."
In dieses Tablet gibt er aber auch alle geplanten und vollzogenen waldbaulichen Maßnahmen ein, die er dann jederzeit auch wieder abrufen kann. "Und wenn ich gerade an einem beliebigen Ort bin und sehe, dass ein Baum über einen Wanderweg hängt und gefährlich werden könnte, gebe ich auch das sofort in mein Tablet ein, um die Forstwirte anweisen zu können, diesen Baum, von eine Gefahr ausgehen könnte, zu entnehmen. Ohne diese digitalen Hilfsmittel wäre es kaum möglich, ein großes Forstrevier zu managen.
Zurück zum Waldpflege: Ziel naturnahen Waldbaus ist es, den Wald - sofern es die Ausgangbedingungen zulassen - natürlich zu verjüngen. Dadurch, dass er den Altbestand vorsichtig auflichtet, regt der Förster die Bäume zur Fruktifizierung an und schafft gleichzeitig am Boden ein geeignetes Licht- und Wärmeklima für die herabfallenden und keimenden Samen. Die Keimlinge können ihre Wurzeln ungehindert in den Boden senken.
Bei der Pflanzung von Bäumen hingegen müssen mitunter die langen Wurzeln gekürzt werden, damit sie in das Pflanzloch passen und nicht zu einem Wurzelknäuel gestaucht werden. Manche Bäume, insbesondere solche mit pfahlartiger tiefreichender Wurzel, vertragen diesen Pflanzschnitt schlecht. Da die Pfahlwurzel diesen Schnitt nicht oder nur schlecht regenerieren kann, kann dies zu einem Stabilitätsrisiko im höheren Alter führen.
Deshalb testet Philipp Dölker parallel eine andernorts erfolgreich praktizierte Methode der Eichensaat. Dazu besorgt er sich (aus einem zertifizierten Saatgutbestand - hierauf legt er großen Wert) Eicheln aus dem nahen Rudersberg und legt diese in Rillen im Waldboden zur Keimung aus.
Nun gilt es zu hoffen und zu beobachten, ob und wie gut sich diese Methode bewährt, denn es gibt im Wald auch andere "Interessenten" für die nahrhaften Eicheln, allen voran die Wildschweine, für die die Eicheln eine Delikatesse sind.
Aber auch damit lässt es der rührige Förster nicht gut sein, denn er will alle möglichen Methoden anwenden und auf ihren Erfolg prüfen.
"Wer sät denn in der Natur den Eichenwald?" stellt er eine rhetorische Frage. Um sie dann gleich selbst zu beantworten: "Zum Beispiel der Eichelhäher, der seinen Namen ja praktisch von seiner Angewohnheit hat, Eicheln nicht nur zu fressen, sondern sie auch immer wieder überall im Wald zu verlieren." Das Aufwachsen mancher Eichenbäume sind diesem emsigen Vogel und seiner "Hähersaat" zu verdanken.
Deshalb installiert Förster Dölker in seinem Revier an vielen Stellen so genannte "Eichelhäherkästen".
Wer nun glaubt, es handele sich hier um Nistkästen, wird eines Besseren belehrt: "Eichelhäherkästen sind hoch angebrachte Kästen, die wir immer wieder mit Eicheln füllen."
Der Eichelhäher kann sich dann hier bedienen "und möglichst viele Eichensamen unterwegs verlieren", hofft der Forstrevierleiter zuversichtlich.
Im Unterschied zu gepflanzten Bäumen, die gezählt werden können und ich eine Betriebsstatistik eingehen, kann der Erfolg solcher Ansätze kaum überprüft werden.
Wenn Philipp Dölker aber auch solche Methoden in seine Arbeit einbezieht, demonstriert er damit vor allem eines: Der Forstberuf ist mehr als ein Job; er ist "Berufung" in der tiefen Überzeugung, für die nächsten Generationen nachhaltig vielfältige, gesunde und möglichst klimafeste Wälder wachsen zu lassen.